Vorbemerkung

Die nachfolgenden Texte sind zum Großteil Schriftstücke älteren Datums und "unrund", d. h. sie folgen selten Versmaßen, strotzen vor unreinen Reimen und sind manchmal sehr holprig zu lesen. Trotzdem bin ich stolz auf die hier veröffentlichten Texte, weil sie (zumindest für mich) eine tiefere Aussage haben. 

 

Diese Texte sind nicht geeignet, um sich an schlechten Tagen aufzubauen. Sie sind meist an eben solchen Tagen entstanden und beschäftigen sich überwiegend mit schweren Themen wie z. B. Sozialkritik, Tod, Trauer, Depression und Selbstverlust.

 

Die Weiterverbreitung ohne Quellenangabe ("Aure" + Webseite) ist untersagt.


Kurze Gedanken

  • In der Stille ertönt nur der Schrei des Gedanken.
  • Die Schläue des Menschen begründet sich auf seiner Gier nach Macht.

  • Schön ist's für's Herz, wenn sich der Pinsel schwingt
    gelbe Seiten mit neuen Worten segnet
    frische, sel'ge Zeilen bringt
    und den Weg ins Weit're ebnet...
  • Zwischen allen Stühlen sitzend
    Mache ich es mir bequem
    Wartend, dass sie mich weilen lassen
    Oder einfach geh’n

 



Freie Texte

Fixpunkt

Wieder sitze ich hier und schreibe.

Sitze da, schreibe, was mein Herz bewegt, lasse den Gedanken freien Lauf.

Was kommt?, das weiß ich nicht. Was beginnt und was endet, ist mir schleierhaft, der Weg so krumm, der Geist uneins in seiner zertrümmerten Welt. 

Welt in Scherben.

Das Fensterglas glänzt so verlockend, der Ruf der Sehnsucht ist so laut.

Stille.

Kein Wort dringt durch die Räume, nur meine Stimme, die leise notiert, was geschrieben, zerschneidet die Ruhe in kleine Stücke. Stücke der zertrümmerten Welt.

Dunkle Bilder aus rot, grün, blau punktieren meine Augen, begleiten die vergessene Zeit.

Deine Zeit.

Meine Zeit.

Pupillen huschen über Zeilen, über Papier, das nicht existiert, um Tinte wahrzunehmen, die nie benutzt wurde.

Farbig-unfarbige Tinte.

Töne ergreifen ihr stummes Wort.

Melodien malträtieren in spannungssteigernden Septetten den Gehörgang und spielen mit einem unechten Tier.

Schneckenfraß.

Gehirnzellen beeilen sich, Eindrücke zu verarbeiten, Visualisierungen huschen unwirklich über den Bildschirm.

Eigene Welt.

Kein Ende in Sicht.

Simulation für eine simulierte Welt, mit simulierten Worten, Sätzen, Menschen. 

Denn die simulierte Welt hält dich gefangen, während du liest, gespannt diese Worte verfolgst, die nicht gesprochen werden.

Umdrehen,

Welt zertrümmert.

 

Der Spiegel

Wenn ich in den Spiegel sehe, weiß ich, das bin ich.

Wenn ich in den Spiegel sehe, weiß ich, das bin ich nicht.

Ich bin hier, vor dem Spiegel, und doch bin ich dort, da drüben, und sehe mir selbst ins Gesicht. Ich sehe mir selbst in die Augen, ich stehe mir gegenüber. Ich gehe näher heran und versuche, mich, nein, ihn zu berühren. Ich strecke nach mir selbst die Hand aus, nur noch ein paar Zentimeter von mir selbst entfernt bin ich - und doch werde ich niemals dieses andere Ich, oder auch mich selbst, berühren können.

 

Tribut an Haruki Murakami

"Ich schaue in die Gegenwart und Zukunft und sehe doch nur die Vergangenheit. Ich treffe mich in einem Reigen der Sinne, der dumpf wie der Verstand jede Empfindung von meinem Körper abperlen lässt. 

Die Mauer in meinem Kopf besiegt, komme ich doch nicht frei, frei von mir und der Welt, die mich im Innersten zusammenhält. Mein Schatten floh Wochen vor mir, und nun jage ich ihm nach, mir nach, mir und dir. Schatten vor den Augen werde ich sehend, im Lichte betrachtet blind.

Ich verschwende mich jede Sekunde aufs Neue, gehe meinen Weg, tauche durch den See; drei Stunden lang, ohne ein einziges Mal Luft zu holen, schwimme ich unter der Oberfläche mir selbst entgegen. Es tut mir so viel Leid wie die Klinge, die mich als Lesenden der Stadt zeichnen musste.

Die Stadt liegt hinter mir, beschützt von der mächtigen Mauer, deren Steine so stark verkleben, dass es mich schweigend schwächer macht. Der See hat mich ausgespuckt wie ein bittersüßes Gift, das nicht seine Wirkung tun wollte. Ich sehe nach vorn, schaue nicht zurück, in Angst, das Westtor drehe sich nach Süden und fange mich mit der Strenge des Wächters wieder ein.

Die letzten Einhörner grasen im Dunkel des Abends, schwer und erschöpft hängen ihre Rücken bis zum Boden durch. Ich lese sie noch immer, sehe, wie sie mich forttragen, Stück für Stück für Stück.

Rasend und rastend zugleich lasse ich die Welt hinter mir, welche ich mir selbst erschuf, und laufe dem Wunderland entgegen, das doch nichts ist als ein, nein, mein neues Ende der Welt."

Kassensturz

9/11/2001

United Airlines Flug 175

Passagiere: 56

Besatzung: 9

Überlebende: 0

Bonus: 65+600 (Südturm)

5/5/1668

Santissimo Sacramento

Passagiere: +1000

Überlebende: 70

Bonus: +954

7/11/1978

N-340

Anwesende: +520

Überlebende: 300

Bonus: +217

1347-1353

"Schwarzer Tod", "Großes Sterben", "Pest"

Infizierte: +25.000.000

Überlebende: >1.000.000

Bonus: +24.000.000

2002-2003

SARS

Infizierte: 8442

Überlebende: +7442

Bonus: +916

 


Allerlei Gedichte

Abfahrt – Segel setzen

 

„Wenn der Abend hereinbricht,
tanzen Sterne einsam auf deinem Himmelbett.
Du schließt die Augen, atmest tief,
und das Schiff fährt ab
führt in den Schlaf
die Träume
die Welt.“

Sand

 

Gebannt lausche ich dem Rauschen,

das aus der Seele dringt.

Immer wieder möchte ich mit jenem tauschen,

was der Tag den Nächten bringt.

 

Leises Wispern kehrt in mich ein,

lautes Raunen in der Nacht.

Immer wieder will ich einsam sein,

zusammen mit mir und deiner Macht.

 

Ich höre mich und sehe dich.

Leis' und laut vermisch' ich schnell.

Ich höre dich und sehe mich.

Vor uns liegt die reinste Quell'.

 

Sand.

Rinnt aus deiner Hand in meine.

Zwei Herzen, eine Seele.

Zweifel gibt es nunmehr keine,

 

alles nur aus einer Kehle.

Das Blatt

 

Tänzelnd schöne Leichtigkeit

unumwindbar jeder Druck

Bewegungen voll Seichtigkeit

jeder Windstoß neuer Schmuck

 

Kein einzig Ton, doch Melodey

keine Silbe, doch ein Wort

Wenn es immer gleich so sei

so will ich fort

 

Segel setzen in die Welt

Fahne hissen auf dem Schiff

Jede Regel schon zerschellt

an des Blattes vollem Riff

 

Ich reise, gehe weit und weit nach vorn

bereue keine alten Eide

sehe mich, bin schon verlor'n

und liege doch nur bei der Weide.


Ein Sieb

Siebend große grüne Leere

siebt sich leis' aus gelbem Sand

umfängt schussbereit Gewehre

klärt unnachgiebig den Verstand

 

Es rieselt stets das Körnermeer

tanzt in Luft und freiem Fall

keine Sorgen, nichts mehr schwer

auf der Reise in das All

 

Es raschelt, knistert, rasselt taub

hat keine Augen, keinen Mund

fingerdick der Schutz aus Staub

gibt der alten Zeiten Märchen kund

 

Wackeln, Schütteln, stetes Schwenken

Gottes Hand führt das Geschehen

Sieben, neues Leben schenken

Winde, die die Welt verwehen

 

Fehler fallen aus dem Raster

Makel ertrinken in der Flut

Zum Teufel mit dem großen Laster:

Nur ohne Sand die Welt wird gut!

Fliegende Gedanken

umkreisen meinen Kopf

dringen tief in mich ein

 

Ballon aus Blei

umschmeichelt meine Lippen

Sehnsucht im Traum.

Land zerstört die Ruhe

des Großstadtlärms -

 

Ich breite leise

meine lauten Flügel aus

falle im Grunde

des Vakuums

In meinem Schädel

schwirren Gedanken wie

Kleine Bienen sammeln Blütenstaub

Vergangen in einer Nacht aus Raum.

 

(Zerstreuung)

16.05.2015

Mein Kopf surrt.

Gedanken fliegen ungebremst

auf Asphalt

Aufgeschlagen wie ein Buch

das Gedankenkarussell dreht sich nicht mehr

Schneller wilder Regen

Musik ertönt in meinem Ohr

Eine Schnecke frisst sich

Im Bewusstsein satt. 

 

Gedanken kreisen wie die Geier

Beute nicht in Sicht

Kontrolle fehlt und ist

dennoch da

leer und voll zugleich

Schreien ohne Stimme

eine Fessel schnürt die

Brust, die nicht mehr ist

vielleicht nie wa(h)r

Ruhig und gehetzt

der Versuch

Arbeit steht an

wartet nicht

nicht auf mich und niemanden sonst

 

sehe ich


Gleichgültig

Das Telefon steht niemals still

verkündet nur, was ich nicht will

sagt Dinge laut, die leise sind

geht hinaus, lässt zurück das Kind

 

Der Fernseher quatscht und zeigt und schaut

Zukunft schon im Bild verbaut

Bombe fällt, das Wetter klar

nicht einmal die Wahrheit wahr

 

Das Radio kreischt wie Katz' in Not

Kritik bekommt Hausverbot

der Superstar brennt auf dem Haufen

seine Platten sich nicht mehr verkaufen

 

Das Internet entblößt den Porno

Reisender verübt das Storno

Kindelein geht Menschen töten

Fantasie nicht mehr von Nöten

 

Das Buch mit Seiten, es stirbt aus

geht im Ofen schnell nach Haus'

Vergangenes bricht in Heldenbrust

Realität bereits Verlust.

Der Traumhändler

 

Leis', so leis' dein Himmelsflug

still und lieblich schlägt die Ader.

Ohne jeden Selbstbetrug

schweigt auch Kummer und der Hader.

 

Süß und lieblich meine Stimme,

warm und weich dein Ruhekissen.

Ich für dich den Traum erklimme,

wirst deine Sorgen nicht vermissen.

 

Ruhig umgarne ich dein Ohr,

sing deinen Geist in tiefsten Schlaf.

Mein Reigen wie ein Engelschor

deine Sinne in der Tiefe traf.

 

Gleich und stetig geht dein Atem,

während in das Auge Eden zieht.

Paradies im schönst Privatem,

mein Schatten aus dem Fenster flieht.

Das Tier

(Auszug)

 

Kein Wort von weichen Lippen

Kein Satz aus dunklem Geist

Voller, weißer Laken Wippen

Und jüngste Kindheit schon vereist

 

Liebe aus der Angst erwachsen

Hörigkeit aus Dominanz

Treue mit der Macht verwachsen

Und auf Messers Klinge schwerer Tanz

 

Schönheit mit dem Hass verwoben

Anmut mit der Traurigkeit

Gestürzt und doch so oft erhoben

 

Niederwurf in Fraulichkeit

 

 


Frei 

Lernend sitze ich hier

schlafend 

sinnend

über die Welt dort über mir

über mich selbst

die Schatten flüstern laut in meine Nase.

 

Meine Hände

liegend

ballen die Fäuste

ohne mein Zutun

dreht sich der Globus unter meinen

Füßen, die nicht auftreten wollen.

 

Schreiend öffne ich den Mund

stumm die Kehle

still der Kopf

das Bild flimmert hinter meinen Augen

der Sender steht nicht richtig.

 

Der Sand härtet aus

Blumen welken

mein Ich zerspringt

rauschend

dringt der Notruf aus meinem Zimmer.

 

Die Wand

zerrt an mir

zerreißt

sich in einem wortlosen Tosen

vor mir

zerplatzt die Erinnerung wie eine Seifenblase.

 

Mein Geist

schattenlos

sehnsuchtstrunken

gibt sich in Fäden der 

Nornen

haben sich verknotet.

Instantpoem

 

 

Der Stift gespitzt, das Blatt gezückt:
wieder wird die Welt verrückt.
Wieder sinkt der Ulk ins Moor,
zaubert schnell ein "Hu" davor,
rettet sich in rote Wipfel,
hängt an Mutter Erdes Zipfel.

Wieder ging die Zeit gen Ende,
wenn in mir der Quell verschwände,
der sprudelnd klar und sittsam nass
diese Zeil'n durch mich verfasst.

Wer Sinne sucht, Nasen, Augen, Münder fände,
leise flucht, wenn dies von seinem Haupt entschwände,
verliefe sich in dem Gedankengang,
der niemals nicht hier funktionieren kann,
da der Schreiber selbst nicht weiß,
wie der Lyrik Ende heißt.

Einzig eine Fingerübung
steht dem Leser zur Verfügung,
dessen Plan gescheitert ist,
da dies schon längst das Zielchen ist.

 

 

 

 

 

 

 

Chaos, Chaos ringsumher

 

W iEd~êr pha e||t dÄß A-

t-Men sc h vver

 

Chaos, Chaos überall

 

W|ec le_r k()m²t \/el-

nÛnf tz~u Fà11

||

 

Chaosthetik.


-Stopp-

Aufgereiht und gleichgestellt

Augen stumm nach vorn gerichtet

Zeigt sich die schöne, neue, alte Welt

Die stets neu vom –Stopp- berichtet

 

Geradeaus das stille Schauen

Hände an die Seit’ gelegt

Jeder ahnt das bald’ge Grauen

Welches seit Geburt gepflegt.

 

Kein Gedanke geht durchs bange Hirn

Welches starr die Wand betrachtet

Bald, so bald wird’s nichts mehr spür’n

Wenn der Abzug nach dem –Stopp- trachtet.

 

Der Vorhang zu, die Turmuhr schweigt

Geknebelt für die letzt’ Sekunde

Ein Gesicht, voll Heiterkeit

Speit den Wahn aus vollem Munde.

 

Ein Wort nur noch will über Lippen kriechen

Sich vereinen mit der alten, neuen Welt

Deren Finger nach –Stopp- und Metallen riechen

Als die Silbe mit dem Schild im Schusse fällt.

 

Ansage

Ich tanz um dich, mein Engelein,
ich tanze dir die Welt kaputt.
Ich spinne Fäden seelenfein,
ich begrabe dich in ihrem Schutt.

Ich bringe dir das Fliegen bei,
ich zeige dir der Wolken Kopf.
Ich schaue in dein Konterfei,
ich trenne dich von deinem Schopf.


Ich ertränke deine schönen Augen,
ich erfrische dir das Herz.
Ich setze dich in Rosenlaugen,
ich sammle aus dir reinstes Erz.

 

Ich gebe dir die neue Ware,
ich zeige dir, was sie bezweckt.
Ich lege dich auf meine Bahre,
ich warte, bis ich dich neu erweckt.